Für eine gemeinsame Erinnerungskultur

Ein anderer Blick auf 1914 – 1918:

Welche Wege für Europa 2014 – 2018?

Für eine gemeinsame Erinnerungskultur

Bei allen Unterschieden zeigt der Blick auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Betrachtern in Europa ganz ähnliche Bilder: einen Kontinent im Strudel, der Unzählige in der Welt mitreißt.

Die Erinnerungen in unseren Ländern werden ganz verschieden ausfallen. Einige werden der nationalen Anstrengung gedenken, andere der Zerstörung, des Leidens und der Opfer. Hier wird man die Verantwortlichkeiten, auch die eigenen, prüfen, dort der Jugend  die Geschichte ihrer Vorfahren nahezubringen versuchen…Manche werden das Ende des alten Europa bedenken, Andere sich am Sieg der modernen Demokratien und an der  Neu- bzw. Auferstehung ihrer Nation als Ergebnis des Krieges erfreuen…

Wir erkennen ein paar gut lesbare Zeichen der Generation von damals an uns heutige Europäer.

Zunächst sind da alle, die ihr Leben verloren. Aus der ganzen Welt zusammengezogen, um zu kämpfen, gaben sie – oft genug dem fernen „Mutterland“ - ihr Bestes; Zivile, gingen sie in der Zerstörungswut des Krieges unter. So gibt es eine elementare Pflicht zur gemeinsamen Ehrerbietung an die Millionen, deren Leben sich nicht entfalten durften, und zum Gedenken an die Trauer auf allen Kontinenten.

Dann die Weitsichtigen von damals. Sie waren Künstler, Politiker, engagierte Bürgerinnen: sie verweigerten sich der öffentlichen Kriegsbegeisterung. Schon vorher eine Minderheit, wurden sie lächerlich gemacht, beschimpft, ermordet. Sie hatten recht, wie zum Beispiel in der letzten Rede von Jean Jaurès am 25.Juli 1914[1] zu lesen. Georg Trakl „erlag im Krieg von eigener Hand gefällt. So einsam war es in der Welt“, schreibt Else Lasker-Schüler über den Freund [2]

Warum waren die Anderen so geblendet? Auf welche Weise konnte Patriotismus sich so auf das jeweilige gemeinsame Feindbild verengen und im Laufe der Jahre alles andere so übertönen, bis sich Jude gegen Jude, Katholik gegen Katholik, Sozialist gegen Sozialist aufhetzten? (Nicht zu sprechen vom physischen Zwang, unter dem, unter anderen die Polen z.B.,  gegeneinander kämpfen mußten).

Welche Kraft setzt Du heute den Manipulationen jeder Sorte entgegen? Was tust Du für den europäischen Gemeinsinn?

Drittens, die leuchtenden Augen der damals so Opferbereiten für das Vaterland. Über sich hinauswachsen, in „einer Sache“  aufgehen, Kamerad sein und Kameraden haben: das Drängen nach einem Ideal bleibt aktuell, auch wenn es vielfältig mißbraucht wurde und wird.  Jugend hat ein Recht auf Sinnsuche und Vorbild. Resignation und Zynismus zerstören sie. Die jungen Menschen auf dem Kontinent heute fühlen sich als Europäer – welche  Herausforderungen für eine bessere Zukunft stellen wir ihnen vor?

Und wir erkennen noch ein Zeichen, nämlich im Schlamm der Gräben und zwischen den Drahtverhauen, von dort, wo sich die geschundenen Infanteristen der sich gegenüberliegenden Linien manchmal näherkamen,  an den Fronten in Italien, in Rußland ebenso wie in Belgien oder Frankreich. Diese hilflosen  -  man lieh sich manchmal Werkzeug, um die gegeneinander aufgestellten Stacheldrahtverhaue zu reparieren! - und bescheidenen Gesten des „Ur-Anstandes“[3], der Brüderlichkeit, durften später politisch „nicht gewesen“ sein. Aber es gab sie! Es gilt auch heute: Menschlichkeit ist unausrottbar, Menschlichkeit braucht Unterstützung. Sie hat nicht die Macht des Stärkeren, aber sie steigt aus den Gräben, aus den Lagern, aus unseren eigenen Abgründen, und zeigt den Weg zum Frieden. Sie hat das Europa, das wir heute kennen, aufgebaut.  Und so könnten die „Infanteristen des Lebens“, nähme man sie ernst, manchen Konflikt in der Welt verhindern. Versöhnung könnte sich vor und nicht erst nach den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Katastrophen Wege bahnen.

Wir wünschen uns für den August 2014

  • ein offizielles europäisches Gedenken;
  • viele gemeinsame europäische Bürgerinitiativen. Stellen wir uns vor:  am „Tag der Mobilmachung“ stehen auf den  Rheinbrücken lange gastliche Tafeln…auf beiden Ufern sind alle, auch alle ausländischen Gäste und Mitbürger zum gemeinsamen Mahl geladen….
  • langfristige europäische Projekte, die Menschen aus dem Westen, Osten und Südosten  des Kontinents zusammenbringen [4], nicht nur zwischen 2014 und 2018;
  • eine europäische Initiative zur Vertiefung und Verbreiterung der Europäischen Austauschprogramme und insbesondere des Europäischen Freiwilligendienstes als Europäischer Zivildienst für alle jungen Menschen .

Erste Unterzeichner:

Die Initiatoren von VoCE 2014-2018: Mascha und Louis Join-Lambert,Barberaz;  Cyrille Colombier, Chorleiter und Claude Bouveresse, Vorstand Chor Vocalam, Chambéry;  Anne-Marie Chapsal, Vorstand Chor Ensemble2021, St.-Alban-Leysse; Geneviève Ancel, Dialogues en Humanité, Lyon; Richard Pétris, Ecole de la Paix, Grenoble; Und : Minister a.D. Louis Besson, Chambéry;  Prof. .Eric Brunat,Universität Savoyen und Ecole de la Paix,Grenoble; General a.D. Jean Cot, Kommandant der FORPRONU in Bosnien(1993-94); Etienne François, Historiker, und Beate François, Berlin;  Pfarrer em. Christian Führer, Leipzig; Alfred Grosser,Paris; Markus Meckel, Präsident des Volksbundes/Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Berlin; Henri Oberdorff, Hochschulprofessor, Grenoble; Dr. Henning Scherf, Präsident des Senats und Bürgermeister a.D. der Freien Hansestadt Bremen,Präsident des Deutschen Chorverbandes,Bremen ; Patrick Viveret, Philosoph, Paris.

Unterzeichner : 

Mitglieder der Chöre Ensemble2021 und Vocalam: Béatrice Boutet, M. Claude Bouveresse, Olivier Casalis, Gilles Choblet, Patrick Ninot, Terenia Laskowska, Véronique Rebotier, Françoise et Gérard Thiercelin. Und: Malika Benarab-Attou MEP,Chambéry ;  Raumond Becouse,Vize-Präs. AFAPE Verband Dt. – Frz. Vereine in Rhône-Alpes,St.Pierre-d’Albigny;  Henri-Georges Brun, Botschafter für den Frieden der Internationalen Humanistischen Liga, Albertville; Hugues de Courtivron,Mordelles; Daniel Goineau, Madagascar; Christian und Béatrice v.Hirschhausen,Berlin; Cornelia Keller-Kirst, Kulturmanagerin, Berlin; Klaus Nußbaum, Heimatdichter, Denzlingen; Sibylle Raczynski,Paris; Astrid Rashed, Schauspielerin, Berlin;  Sabine Rousseau, Historikerin, Chambéry; Susanne v.Schenck, Journalistin, Berlin; Dr. Annette  Schiller, Dt.-Frz. Gesellschaft, Halle/S.; Philippe Vachette, Volkswirt, Barberaz; Thierry Verney, Historiker, Chambéry; Maryllis de la Vieuville , Paris; Françoise Vig, Musikerin, Chambéry; Maria Winkler, Chambéry; Julian Walmesley, Übersetzer, Chambéry; Barbara Winzer, Dramaturgin, Berlin; Brice Wong, Chambéry

 

Redaktion Mascha Join-Lambert, durchgesehen von Vincent v.Wroblewsky, Dolmetscher und Übersetzer, Berlin.
Endgültige Fassung vom 16.Januar 2014
Liste Unterzeichner vom23..April 2014

Mascha Join-Lambert
Vors. VoCE2014-2018
18, rue des Tilleuls
F – 73000  Barberaz
00 33 4 79 44 2394
00 33 6 66 25 26 76
Mascha.jl@laposte.net
Voce2014-2018@laposte.net


[1] Wie zB . von den „Dialogues en Humanité“  seit 2002  in mehreren Ländern in Bürgerforen angestrebt, (www.dialoguesenhumanite.org)  , oder der Initiative VoCE 2014 – 2018/Voices from Citizens in Europe;
[2] In: Marc Ferro, Frères de tranchées, Ed. Perrin, Paris 2005
[3] Si.u.a.  Ulrike Brummert (Hrsg.): Jaurès. Frankreich, Deutschland und die Zweite Internationale am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Narr, Tübingen 1989
[4] Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, Kösel Verlag 1966; si. auch den Prosatext zum Gedicht  nach dem Tod von Franz Marc